„Ich verstehe nicht, warum das immer mir passiert.“ Diesen Satz höre ich häufig in Coaching-Sitzungen. Meine Sichtweise dazu ist folgende: Wir erleben immer wieder ähnliche Situationen, die uns unangenehm sind und zum Handeln bewegen. Wenn es uns stört, dass wir ständig mit solchen Situationen konfrontiert werden, gibt es zwei Möglichkeiten, damit umzugehen:
- Wir fragen uns, wie wir unser Umfeld dazu bringen können, dass diese Situationen in Zukunft nicht mehr auftreten.
- Wir überlegen, wie wir unser eigenes Verhalten ändern können, damit diese Situationen für uns anders werden.
Wir können weder das Verhalten anderer Menschen kontrollieren (ausser wir manipulieren, was sehr ungesund ist), noch beeinflussen, welche Situationen uns im Leben begegnen. Dinge geschehen einfach und das Leben ist nicht fair. Somit wird es uns nicht gelingen, ohne Manipulation unser Umfeld zu bestimmten Aktionen zu bringen. Fokussieren wir uns besser auf die zweite Option:
Was können wir an uns selbst verändern, um besser mit den immer wiederkehrenden, unangenehmen Situationen umzugehen?
Verhalten ändern durch Persönlichkeitsentwicklung
Persönlichkeitsentwicklung ist wichtig, weil sie dir hilft, dich selbst besser zu verstehen und bewusste Entscheidungen für dein Leben zu treffen. Du lernst, alte Verhaltensmuster zu erkennen, die früher sinnvoll waren, dich heute jedoch bremsen. Mit dieser Erkenntnis kannst du dich von ihnen lösen. Du beginnst, deine Gedanken, Gefühle und Reaktionen einzuordnen, statt dich von ihnen blind steuern zu lassen. Ausserdem lernst du, dich von Dingen und Umständen zu trennen, die dir Energie rauben und dich von dir selbst entfernen.
Die Auseinandersetzung mit dir selbst stärkt deine innere Sicherheit. Aus dieser Sicherheit heraus kannst du klarer kommunizieren, ohne dich ständig erklären oder rechtfertigen zu müssen. Du setzt gesunde Grenzen, weil du dich selbst besser wahrnimmst und deine Gefühle benennen kannst. Dadurch entstehen mehr Selbstwirksamkeit, Leichtigkeit und echte Verbindungen – sowohl zu dir selbst als auch zu anderen. Am Ende lebst du nicht nur im Funktionsmodus, sondern stimmig und erfüllt.
Wie „Persönlichkeit“ definiert wird
Doch was meinen wir denn eigentlich, wenn wir Persönlichkeit sprechen. Laut dem Dorsch Lexikon der Psychologie bezeichnet Persönlichkeit “die Gesamtheit aller überdauernden individuellen Besonderheiten im Erleben und Verhalten eines Menschen”. Dabei sprechen wir auch von Persönlichkeitsmerkmalen oder -eigenschaften. Diese Merkmale lassen sich anhand definierter Persönlichkeitsdimensionen messen, zum Beispiel Extraversion, Emotionalität, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Offenheit für neue Erfahrungen (vgl. das Fünf-Faktoren-Modell). Je nach psychologischem Ansatz variieren diese Dimensionen. Das zeigt sich auch in den verschiedenen Persönlichkeitstests, die heute existieren und unterschiedliche Eigenschaften erfassen und bewerten.
Die oben genannte Definition zur Persönlichkeit umfasst drei zentrale Komponenten:
Erstens geht es um das subjektive Erleben der Aussenwelt. Dieses Erleben bezieht sich darauf, was eine Person wahrnimmt, denkt und interpretiert. Dabei spielen verschiedene Faktoren eine Rolle im inneren Verarbeitungsprozess:
- Welche Informationen aus der Aussenwelt über die fünf Sinne aufgenommen werden;
- Welche dieser Informationen bewusst oder unbewusst verarbeitet werden;
- Welche Erfahrungen die Person bereits gemacht hat und wie diese in die aktuelle Wahrnehmung einfliessen, zum Beispiel durch ähnliche, bereits erlebte Situationen;
- Wie die Person die Situation bewertet, basierend auf ihren Lebenserfahrungen, Weltanschauungen und Glaubenssätzen;
- Wie die Person schliesslich die Situation für sich interpretiert.
Zweitens zeigt sich die Persönlichkeit einer Person in ihrem individuellen Verhalten gegenüber Ereignissen. Das Verhalten ist die beobachtbare Reaktion, die als Folge des inneren Verarbeitungsprozesses nach aussen sichtbar wird.
Drittens sind das Erleben und Verhalten eines Menschen über einen bestimmten, überdauernden Zeitraum hinweg feststellbar. Interessant ist, dass „überdauernd“ Zeiträume von einigen Wochen oder Monaten meint. Persönlichkeitseigenschaften sind demnach nicht zwangsläufig ein Leben lang stabil, sondern zeigen ihre Beständigkeit nur über einen begrenzten Zeitraum.

Wie Persönlichkeit sich formt
Die eigene Persönlichkeit entsteht durch verschiedene Einflussfaktoren. Zum einen erhalten wir über unsere Gene bereits Eigenschaften, die uns mit unseren Eltern und Vorfahren verbinden. So bringen wir Talente und Neigungen mit, die uns als Individuen auszeichnen.
Zum anderen prägen unsere Erfahrungen, zu welcher Art von Mensch wir uns entwickeln. In der Beziehung zu unseren Bezugspersonen und durch Erziehung lernen wir, welche Verhaltensweisen gefördert und welche bestraft werden. Unsere Stärken werden gefördert oder unsere Ängstlichkeit geschürt. Wir dürfen viele neue Eindrücke ausserhalb unseres unmittelbaren Umfelds sammeln oder sind auf die Erlebniswelt im engsten Familienkreis beschränkt. Ausserdem beobachten wir unsere Bezugspersonen in verschiedenen Alltagssituationen und übernehmen daraus Strategien für uns. Gleichzeitig geben sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen an uns weiter, die wir in unsere Lerngeschichte integrieren. All dies formt die Person, die wir werden.

Doch nicht nur unsere Gene und Erziehung beeinflussen, wie wir uns selbst sehen und die Welt wahrnehmen. Auch unsere Umwelt erweitert und schärft unseren Blick. Welche Schule wir besuchen, in welchem Unternehmen wir arbeiten, in welchen Freundeskreisen wir uns bewegen und welche Hobbys wir ausüben – in all diesen Bereichen handeln und reagieren wir.
Bei jeder Interaktion erhalten wir Rückmeldungen über uns selbst und die Welt um uns herum. Dabei erleben wir uns sowohl als Individuum als auch als Teil der Gemeinschaft. Jede Begegnung und jedes Lebensereignis offenbaren uns alte und neue Facetten unserer Persönlichkeit. Erfahrungen und Selbstreflexion ermöglichen uns Veränderung in unseren Gedanken und in unserem Handeln.
Wir erfahren uns immer wieder neu
Die Persönlichkeitsbildung ist folglich ein fortlaufender Prozess. Wir verändern uns im Laufe der Jahre immer wieder – manchmal in kleinen, kaum bemerkbaren Schritten, manchmal so radikal, dass andere uns kaum wiedererkennen.
Jede Erfahrung erzählt uns etwas über die Welt und unsere Stellung in ihr. Daraus entsteht unser Bild von der Welt und von uns selbst. Da unser Gehirn darauf ausgerichtet ist, unsere eigenen Ansichten zu verifizieren, sucht es ständig nach Bestätigung und verstärkt dadurch unser Weltbild – nicht so, wie die Welt tatsächlich ist, sondern so, wie wir sie persönlich und ganz individuell interpretieren. So wird die fortwährende Bestätigung unserer Sichtweise zu unserer Realität.
Wir nehmen die Welt nicht objektiv wahr, sondern erleben sie subjektiv. Unsere Lebenserfahrungen, Ansichten, Rollen und Gefühle prägen diese persönliche Realität. Durch diese individuellen Filter erfahren wir, wie wir uns selbst in der Welt sehen und wie die Welt mit uns interagiert. So entsteht ein Bild von uns, mit dem wir uns identifizieren. Es ist die Geschichte, die wir uns immer wieder erzählen und bei der wir sagen: “Aha, so bin ich.”
Unser Verhalten richtet sich danach, unsere Identität zu festigen, denn Menschen schätzen Kontinuität. Diese vermittelt Sicherheit und Stabilität. Verschiedene Mechanismen helfen uns dabei, diese Stabilität zu bewahren: Wir suchen uns Umfelder, die zu unserer Identität passen, bleiben in Rollen, die unser Verhalten bestätigen, oder interpretieren Situationen so um, dass sie zu unserem Selbstbild passen und keine Brüche entstehen.
Was wir über uns denken und wofür wir uns halten, kann jedoch jederzeit erschüttert werden. Meist geschieht dies durch einschneidende Lebensereignisse, die Seiten an uns zeigen, die wir bisher nicht kannten und die unserem bisherigen Selbstbild widersprechen. Die Erschütterung unseres Selbstbildes führt entweder zu Verdrängung oder Integration. Verdrängung ist ein Abwehrmechanismus, bei dem die innere Spannung ins Unbewusste verschoben wird. Statt sich mit dem Ereignis auseinanderzusetzen und es zu verarbeiten, wird es verdrängt und abgespalten. Im Gegensatz dazu bedeutet Integration, das Ereignis anzunehmen und zu verarbeiten. Dabei werden die neu entdeckten Persönlichkeitsaspekte bewusst erlebt und in das eigene Selbstverständnis eingebunden.
Veränderung anstossen
Die Situationen, denen wir im Leben begegnen, lassen sich kaum kontrollieren. Wie wir sie jedoch erleben und was wir daraus machen, liegt sehr wohl in unserer Hand.

Um Situationen aus einer anderen Perspektive wahrnehmen zu können, lohnt es sich, unsere Ansichten und Glaubenssätze zu hinterfragen. Dabei helfen folgende Fragen:
Persönliches Erleben
- Was geschieht gerade wirklich? Was sind die Fakten?
- Was macht die Situation mit dir? Welche Gefühle löst sie aus?
- Warum reagierst du so? Sind das neue Gefühle oder alte, die wieder hochkommen?
- Gibt es alte Geschichten, die gerade wieder präsent werden? Wenn ja, welche genau und warum?
Persönliches Verhalten
- Kannst du dich kurz aus der Situation herausnehmen, bevor du reagierst? Falls ja, tue es.
- Hast du gerade den Impuls, aus deinen Gefühlen heraus zu antworten? Nimm dich aus der Situation und gehe die oben genannten Fragen zum persönlichen Erleben durch.
- Wie möchtest du reagieren?
- Was brauchst du, um so zu handeln, wie du es dir wünschst?
Die Frage danach, wer du sein willst
Um aus der starren Haltung „Ich bin halt so“ in eine flexiblere Sichtweise zu gelangen, unterstützen dich die folgenden Fragen. Sie helfen dir, deine eigenen Rollen und Handlungen genauer zu betrachten und zu hinterfragen:
- Bist du wirklich einfach so, wie du dich siehst?
- Welche Gewohnheiten hast du, und sind sie noch sinnvoll?
- Wo fühlst du dich nicht ganz bei dir selbst?
- Fühlst du dich in deinem Umfeld wohl? Darfst du dort du selbst sein?
- Wo hast du das Gefühl, dich zu verbiegen, und wie wird das ausgelöst?
- Wann handelst du automatisch statt bewusst?
- Welche Eigenschaften zeigst du, die dir nicht so gut gefallen?
- Welche Eigenschaften würdest du stattdessen gerne zeigen?
- Was musst du tun, damit dein Umfeld diese neuen Eigenschaften an dir wahrnimmt?
Eine flexible Haltung ermöglicht es dir, die beste Version deiner selbst zu werden. Dabei bilden Selbstreflexion und Offenheit für Veränderungen die Grundlage. Es geht dabei keineswegs um Optimierung oder Leistung über die eigenen Grenzen hinaus, sondern um ein angenehmes Wachstum und einen zufriedenen Einklang mit dir selbst und deiner Umwelt.